• 061 793 01 10
  • 4208 Nunningen SO, Schweiz

Das “nächste grosse Ding” nach Facebook

Bekäme ich für jedes Mal, wenn jemand “Facebook ist out, wir warten lieber auf das nächste grosse Ding” sagt, einen Franken, wäre ich zwar nicht reich, könnte mir aber garantiert ein Wellness-Wochenende davon leisten. Und ehrlich gesagt fühle ich mich genau wegen dieses Spruchs manchmal reif dafür. Denn:

Es wird keinen neuen, grossen Social-Media-Dienst nach Facebook geben! Und auch keinen parallel dazu.

Ihr findet, das sei eine sehr steile These? Dann lest weiter.

Es gab mal einen Moment, einen ganz kurzen Moment, da war Facebooks globale Vormachtsstellung in Gefahr. Als Google nämlich seine Dienste zusammenzuschliessen begann und das ganze als Paket unter dem Namen Google+ lancierte. Als Betatesterin konnte ich meine Kontakte in diverse Gruppen ordnen, mit ihnen Video-Besprechungen führen oder ihnen personalisierte Inhalte zukommen lassen, öffentliche Posts teilen, die mich prominent auf die erste Seite der Google-Suche katapultierten, Termine doodeln, gemeinsam Präsentationen und Dokumente erstellen und verwalten, Bilderalben teilen und alles interaktiv kommentieren.

Mit anderen Worten: Google machte das, was Facebook in grossen Teilen alles schon konnte. Bis auf die Platzierung in der Google-Suche natürlich. Und bis dahin auch noch in sympathischer, denn Google hatte damals längst nicht so viele negative Schlagzeilen wie der Herr Zuckerberg. Mit anderen Worten, wäre Google+ am Ball geblieben, würde Facebook heute wohl kaum alleine gut einen Drittel der Weltbevölkerung verbinden.

Wer besiegt Facebook?

Facebook-Nachfolger: Google+ hätte echte Chancen gehabt. (Quelle)

Doch es kam anders. Früh geriet Google in die Kritik der europäischen Kommission wegen der Vernetzung seiner Dienste mit Google+. Vor allem die Bevorzugung der Inhalte bei der Google Suche sowie die Vernetzung mit Kontakten und Gmail aus Datenschutzsicht stiessen sauer auf. Google nahm die Kritik mehr als ernst und entknüpfte die Dienste wieder Stück für Stück, sezierte damit aber das Potenzial, das Google+ zu einer echten Facebook-Konkurrenz gemacht hätte. Heute ist der Dienst eingeschlafen und sogar die Business-Profile wurden wieder ausgelagert und haben jetzt einen separaten Bereich.

Die europäische Kommission hat also dafür gesorgt, dass 2012 der direkte Facebook-Konkurrent zurücktrat. Seither hat es kein Social Media Dienst geschafft, den breiten Nutzen von Facebook zu bieten. Der blaue Riese ist nämlich deshalb so gross geworden, weil er es schaffte, die Nützlichkeit vieler Anbieter in sich zu vereinen. Und damit eine schier unvorstellbare Zahl an Nutzern miteinander zu verbinden. Nicht zuletzt deshalb, weil es die Kritik der europäischen Kommission und amerikanischer Kontrollstellen ignorierte, so lange sie nicht durch rechtliche Schritte zu offiziellen Verordnungen und Verfügungen wurden.

Facebook kümmert sich solange nicht um Kritik, bis sie eine rechtswirksame Verfügung ist.

Grosser Wettbewerbsvorteil: Zuckerberg interessiert die Kritik an seinem Netzwerk Facebook nicht.

Und wo ist nun der Facebook-Nachfolger?

Definitiv nicht in Sicht. Aktuell spielen zwar einige Dienste eine Rolle, sie haben aber nicht das Potenzial, Facebook anzugreifen. Eine kurze Begründung:

Instagram ist sehr trendy, eignet sich aber mehr zur Selbstdarstellung als zum Netzwerken. Gehört ausserdem auch zu Facebook, nur damit das wieder mal gesagt ist.

Snapchat eignet sich sowohl für Selbstdarsteller als auch fürs Netzwerken, ist aber zu weit von der üblichen Kommunikationskultur weg, um wirklich zwei Milliarden Nutzer anzuziehen.

LinkedIn (oder Xing, wer unbedingt will) ist zu öde geschäftlich, um für das private Netzwerk genutzt zu werden.

Youtube wird viel zu wenig als soziales Netzwerk wahrgenommen, um Facebook ernsthaft zu konkurrenzieren, und ist auch in der Medienform zu begrenzt, um alle zum Content produzieren zu animieren.

Whatsapp und Messenger – beide übrigens auch aus dem Hause Zuckerbergs – sind für die Kommunikation perfekt, eigenen sich aber nicht fürs grossräumige Vernetzen und Teilen.

Zwei Milliarden Menschen sind auf Facebook.

Ein Drittel der ganzen Welt ist auf Facebook miteinander vernetzt. Das zu toppen ist sehr schwer.

Aber was, wenn gerade in einer Garage ein Facebook-Nachfolger entsteht?

Auch das ist – wenn auch nicht ausgeschlossen – so doch sehr unwahrscheinlich. Und wenn ich wetten müsste, würde ich mit ziemlich hohem Einsatz dagegen wetten. Denn die Zeiten für so grosse Netzwerke sind vorbei.

Die Digitalisierung verändert unser kommunikatives Verhalten, unsere Art der Arbeit und Zusammenarbeit, unser Verständnis von Interaktion mit der Technik und fundamental auch die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft und die Evolution der Menschheit. Noch vor 20 Jahren war es eine anstrebenswerte Utopie, mit allen zu jeder Zeit Momente seines eigenen Lebens teilen zu können. Doch die uneingeschränkte Freiheit, immer alles posten zu können, hat auch negative Entwicklungen mit sich gebracht: Manipulation durch Interessensgruppen, Mobbing und Informations-Überlastung.

Beobachtet man die heranwachsende Generation, so sind klare Trends zu erkennen:

  • Weg vom geschriebenen Wort (Sprachnachrichten, Sprachsteuerung)
  • Weg von der Massenkommunikation (Messenger-Kommunikation)
  • Weg von der bewussten Wahrnehmung der digitalen Kommunikation (intuitive Smartphone-Nutzung mit kommunikativen Elementen)

Mit einigen Jahren Verzögerung werden auch die älteren Generationen diese Entwicklung durchmachen. Getrieben durch die technische Entwicklung bleibt ihnen gar nichts anderes mehr übrig. Zu gross ist der Markterfolg der guten Sprachassistenten wie Amazon-Echo, Google oder Siri. Zu breit die Tendenz der Dienste, die Textposts durch Sprachposts zu ersetzen.

Messenger und Whatsapp: Sprachnachricht versenden.

Sprechen statt schreiben: Die Zukunft gehört der Sprachnachricht.

Und das wird jetzt das neue Facebook

Nun ist klar, weshalb es kein weiteres Facebook geben wird. Denn die Zukunft schreibt komplett neue Kommunikationsgeschichte. Meine Prognose? Das nächste grosse Ding wird ein VR-Netzwerk. Die reale Welt wird von Virtuellen Realitäten überlagert und vermischt sich mit ihnen. Dinge wie Autos, Gebäude, Infrastrukturen der öffentlichen Hand und von Unternehmen kommunizieren miteinander und mit uns Menschen. Mit Sprache, bewegten Bildern und Vibration. Ob die Kommunikation über eine Brille, wie wir sie aktuell kennen, Kontaktlinsen oder gar Implantate, stattfinden wird, hängt nicht zuletzt von der technischen und kulturellen Entwicklung in den nächsten zehn Jahren ab.

Der Facebook-Nachfolger wir eine VR-Anwendung sein.

Sich miteinander vernetzen, mit Freunden sprechen, zusammen gamen, trainieren oder die Welt erkunden: Virtual Reality ist das nächste grosse Ding nach Facebook.

Zukünftig werden wir also miteinander sprechen, uns treffen, interagieren, in einer parallelen Welt, in die wir bewusst eintauchen können (so hoffe ich) oder mit der wir automatisch immer vernetzt sind (das hoffentlich nicht). Wir können uns mit Freunden für ein Workout verabreden, nebeneinander “sitzend” gamen oder an einer Stadtführung oder einem Konzert teilnehmen, ohne vor Ort zu sein. Momentan sind einzelne Komponenten einen solchen, neuen Netzwerkes bereits da. Sie sind aber noch nicht genug ausgereift für eine breite Anwenderbasis und die Dienste können auch noch nicht gut genug miteinander sprechen. Damit ein Netzwerk nämlich erfolgreich genug ist, um mehrere Milliarden Menschen für sich einzunehmen, muss es umfassende Möglichkeiten und nicht nur Teilaspekte bieten. Und dafür müssen die einzelnen Programmiersprachen miteinander kompatibel werden, eine der grössten Herausforderung überhaupt. Bevor sich die Funktionen zu einem einzigen grossen vernetzen lassen, werden wir weiterhin mit Apps, Sprachassistenten und Desktop-Diensten arbeiten, je nach Aufgabe und Vorlieben mit dem einen oder anderen, eher geschäftlich oder privat, mehr auf Textbasis, mit Bild, Video oder Sprache. Nur das Telefongespräch hat definitiv ausgedient, es wird als ungebührliche Belästigung wahrgenommen.

Wann kommt das neue soziale Netzwerk?

Bis die Technik weit genug für ein virtuelles Netzwerk ist, vergehen schätzungsweise 10-15 Jahre. Bis dahin ist schon die nächste Generation herangewachsen, die Implantaten und ständiger Vernetztheit wohl noch aufgeschlossener ist als die Instagram-Generation. Ich bin gespannt, wie dann interagiert und kommuniziert wird. Auch wenn es weitere, noch grössere Herausforderungen an die Unternehmenskommunikation mit sich bringt. Und ich dann wohl meine Agentur Nachfolgern in die Hände legen muss. Schliesslich gehöre ich zu den Menschen, den von VR hundsmiserabel schlecht wird. Die Seekrankheit lässt grüssen :-/

Übrigens bin ich nicht die Einzige, die im Beratungsalltag den Spruch “Facebook ist out, wir warten lieber auf das nächste grosse Ding” zu hören bekommt. Vor kurzem hat dazu Lead digital einen Post dazu verfasst: Netzwerke, ihre Überlebenschancen und ihr Hype-Faktor.

Lohnt sich unter diesen Aspekten das Warten noch? Ich freue mich auf eure Inputs in den Kommentaren.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen